Sonntag, 7. Oktober 2007

Portraitiert.

Portrait

Der Bierdeckel.

Warum heißt der Bierdeckel Bierdeckel? Weil ein Bierdeckel ist ein Bierdeckel ist ein Bierdeckel. Ein Bierdeckel ist also ein Deckel. Aber irgendetwas stimmt hier nicht!
Betrachten wir den klassischsten Deckel aller Deckel. Den Topfdeckel. Er dient zum Bedecken von Töpfen, um den Inhalt jener Töpfe vor schrecklichen Einflüssen von außen zu bewahren und dem Inhalt Schutz zu bieten. Der Topfdeckel wird auf den Topf aufgelegt. Im konkreten Fall müssen wir genauer unterscheiden, ob der Topf ein Blumentopf oder ein Kochtopf ist. Von Blumentopfdeckeln wird kaum jemand etwas gehört haben [das könnte eine entscheidende Marktlücke sein], aber Kochtopfdeckel sind in jedem gut sortierten Haushalt zu finden. Sie werden auf Kochtöpfe gelegt, um etwas zum Kochen, Schmoren, Braten zu bringen.

Ein anderer, sehr weit verbreiteter Deckel ist der Gullideckel. Gulli [ein schönes Wort]. Wohingegen beim Kochtopfdeckel während des Kochens, Schmorens oder Bratens leckere, appetitanregende Düfte entstehen können [sofern man den Inhalt des Topfes nicht verbrennt], treten beim Gullideckel doch eher unangenehme Gerüche von Abfällen im Allgemeinen und aus dem Verdaungstrakt im Speziellen zum Vorschein. Nichtsdestotrotz bleibt der Gullideckel ein herrlicher Vertreter der Gattung Deckel. Denn er bedeckt, platziert an der Oberfläche, mit seinem massigen Stahl tiefe Löcher in der Straße, und bietet damit Schutz vor nicht erwünschten, plötzlichen Stürzen in die Tiefe.

Nun wissen wir: der Kochtopfdeckel liegt auf dem Kochtopf, der Gullideckel liegt auf dem Gulli, aber der Bierdeckel liegt nicht, wie im ersten Augenblick anzunehmen, auf dem Bier, nein, sondern unter dem Bier. Der Bierdeckel liegt unter dem Bier. Und wo ist seine Schutzfunktion für das Bier? Schützt er etwa das Bier vor dem Austrocknen? Wohl kaum. Denn auf der Bierflasche sitzt keineswegs der Bierdeckel, sondern der Kronkorken. Der Bierdeckel hat sich klammheimlich unter das Bierglas geschlichen und lechzt dort nach überschwappenden, am Glas hinunter rinnenden Tropfen des heiligen Wassers. So ein hundsgemeiner Kerl, dieser Bierdeckel! Umtaufen müsste man ihn zur Strafe, und ihn seiner wahren Bestimmung entgegen führen. Ein Deckel, der auf dem Tisch liegt. Ein Tischdeckel.

Rundwanderweg Marzahn (Teil 1).

Es ist Freitag Nachmittag und das Wochenende winkt dem arbeitstätigen Volk freudig mit beiden Armen zu. Bisher zähle ich noch nicht zu dieser Gruppe, was mir aber keinen Anlass gibt, nicht die Aussicht auf zwei geruhsame Tage in der hin und wieder hektischen Großstadt zu genießen.
Kurz vor halb vier. Ich stehe an meinem Fenster und blicke in den weiten, bunt verfärbten Innenhof. Sogar die Sonne traut sich ein Stück zwischen den Wolken hervor und ich beschließe, dass es ein hervorragender Moment für einen genügsamen Herbstspaziergang ist. Ich ziehe mir eine olive Strickjacke und eine braune Kordjacke über mein Shirt, um vor eventueller Kälte gut geschätzt zu sein. Den Rucksack lasse ich daheim, um unnötigen Balast zu sparen, alles Notwendige stecke ich in die Taschen meiner Jeans. Schlüssel. Mp3-Player. Handy. Taschentücher. Den Apfel, den ich als schmale Wegzehrung für den kleinen Hunger vorgesehen hatte, lasse ich da. Er beult die Jackentasche aus und behindert mich so beim Laufen, wenn die Arme in mäßigem Tempo vor und zurück schwingen. Einen 5-Euro-Schein nehme ich sicherheitshalber auch noch mit. Man kann nie wissen. Und zuletzt, womöglich das wichtigste Stück für den Spaziergang, klemme ich mir einen Schrittzähler an meine rechte Hosentasche. Für jeden Schritt, den ich damit mache, hüpft eine kleine Kugel im Inneren auf und nieder und gibt den aktuellen Zählstand auf einer fünfstelligen digitalen Anzeige aus. Maximal 99999 Schritte sind so möglich, bevor es erneut bei 0 beginnt.
Nachdem ich diese ganzen Bücher über verschiedene Wanderungen von Berlin nach Moskau, von Paris nach Berlin und von Hamburg nach München vor ein paar Wochen gelesen habe, war ich schon auf der Suche nach diesem Gerät. Ich wusste, dass es irgendwo in meinen Schränken verborgen liegen musste. Als ich es dann fand, erinnerte ich mich, dass ich es schon jahrelang besaß. Womöglich von der ersten internationalen Funkausstellung, die ich in Berlin Mitte der 90er Jahre besuchte. Umso größer war die Verwunderung. Denn die Batterie lief noch einwandfrei.

Der Zähler zählt. Ich schaue regelmäßig auf meine rechte Hüfte und behalte die fortlaufenden Zahlen im Auge. 12, 13, 14 ... 100. 200. 300. 400. 500 Schritte schon. Kaum aus der Haustür und an der großen Hauptstraße gelandet. Ich biege in die kleine Gartensiedlung ein und bin froh, dass der Lärm der großen Straße verblasst. Die Bäume riechen welk, das herab gefallene Laub vermodert auf dem feuchten Boden. Die Luft ist frisch. Mein Gehirn dröhnt, die Adern pochen und Kopfschmerzen fressen sich durch meinen Schädel. Die frische Luft tut so gut. Meine Augen sind von den vielfarbigen Eindrücken des Herbstes überlastet. Das Bild vor Augen gerät ins Wanken. Die Kopfschmerzen werden stärker. Ich bleibe eisern, beschleunige meinen Schritt. Die Hitze kriecht die Wirbelsäule entlang. Schweiß. Meine Kondition ist gleich null.
Ich erreiche noch einmal eine Hauptstraße, warte an der Ampel, bis sie mich mit einem grünen, aufleuchtenden Männchen über den Asphalt bittet. Die vorerst letzte Straße. Jetzt wird es mit jedem Tritt ruhiger. Der Himmel ist mir wohlgesonnen, spendet Wolken und Sonnenschein in unregelmäßigem Takt. Vor mir liegt der erste Berg meiner Rundreise.

Der Hauptweg schlängelt sich mühsam im Kreis herum den Hang hinauf. Viel zu lang, denke ich. Viel zu langweilig. Nach einem guten Kilometer, der hinter mir liegt, strotze ich geradezu vor Kraft und wähle den direkten Weg. Ein Trampelpfad im Gebüsch ist schnell gefunden. Geradewegs gerichtet auf die Kuppe des Kienbergs mit 101 Metern Höhe.
Zum Glück hat es in den letzten Tagen kaum geregnet. Der Pfad ist trocken und rutschfest. Nur Zweige schnellen mir ab und an ins Gesicht, wenn ich im Eiltempo, mit nach untem gerichteten Blick, den Hang erklimme. Geröll, Steine, Wurzeln muss ich umgehen, um immer sicheren Tritt unterm Schuh zu haben und nicht rückwärts zu rutschen.
Auf halber Strecke entledige ich mich meiner Kordjacke. Ich schwitze wie sau. Unter den Arm geklemmt geht es schnurstracks weiter nach oben. Weit kann es nun nicht mehr sein. Ich höre schon miteinander sprechende Stimmen. Es wird lichter und hinter den letzten Sträuchern ist der reine Himmel zu sehen. Ich habe es geschafft. Steige aus dem Gebüsch hervor und befinde mich auf dem Plateau. Zwei Mädchen, deren Stimmen ich hörte, sitzen auf der stählernen Aussichtsplattform. Mein erstes Ziel ist erreicht. Ich blicke mich kurz um. Schaue über Marzahn. Und nach Hellersdorf. Dann geht es sofort weiter, noch brauche ich keine Pause.

Während ich für meinen Aufstieg den schmalen Pfad über Stock und Stein, eine rasante Abfahrtsstrecke für Mountainbikes, gewählt habe, arbeite ich mich nun Schritt um Schritt auf einer breiten, wildgrasbewachsenen Schneise abwärts. Im Winter, wenn Berlin von einigen Zentimetern Schnee heimgesucht wird, treiben sich hier Kinder und Väter herum, um vom Hang hinabzurodeln. Er ist zwar nicht so steil, aber ich glaube fast, dass er bei genügend Schnee auch zum Snowboarden für Anfänger wie mich geeignet wäre.
Am Fuße des Kienbergs lasse ich links den Erholungspark Marzahn mit seinen wunderschönen Gärten der Welt liegen. Dafür ist keine Zeit. Der Weg ist weit.

Erneut muss ich eine stark befahrene Straße queren, bevor ich wieder ins Gestrüpp eintauchen kann. Normalerweise war die andere Seite immer mit einem Zaun abgesperrt, so dass ich einen leichten Bogen entlang der Straße hätte machen müssen. Aber im Zaun fehlen einige Elemente, und ein vage angetretener Pfad ist auch zu erkennen. Also nichts wie geradewegs hinein.
Die Vorfreude über den gesparten Umweg währt jedoch nur kurz. Der Weg verzweigt in mehrere Richtungen und allesamt sind unbrauchbar. Ein Umkehren kommt nicht in Frage. Ich versuche, den angenehmsten Pfad zu finden, durch unwegsames Gestrüpp, Brennesseln, Dornensträucher und Disteln. Meine Jacke hatte ich längst wieder angezogen, um besser geschützt zu sein. Zudem muss ich acht geben, um nicht ausversehen im Schlamm stecken zu bleiben. Keine leichte Aufgabe, denn der Boden ist mit hüfthohen Gräsern und etlichem Unkraut bedeckt.
Schon bald werden die dornigen Büsche weniger, weit ausladende, hohe Bäume gewinnen die Oberhand. Rechts von mir läuft das kleine Rinnsal der Wuhle, das die Grenze zwischen Marzahn und Hellersdorf bildet. Für mich geht es weiter nach Norden, nur wenige Meter neben der Wuhle ihr folgend. Die Bäume schaffen bizarre Gebilde und laden mit ihrem Geäst geradewegs zum Klettern ein. Ich suche mir den nächstbesten, befinde mich zwei, drei Meter in der Höhe und höre plötzlich Kinderstimmen aus dem Urwald, den ich gerade hinter mir gelassen habe. Ich lasse vom Baum ab und setze meinen Weg fort. Was hätten die Kinder nur gedacht, von einem scheinbar Erwachsenen, hängend in einer Baumkrone.
Je weiter ich komme, desto mehr offenbart sich der Waldstreifen am Flüsschen als wahrer Abenteuerspielplatz. Es gibt zusammen genagelte Baumhäuser in den Baumkronen. Zerstörte Baumhäuser. Hütten auf dem Boden, bedeckt mit Plastikfolien. Zerstörte Hütten. Und sogar tief gebrabene Löcher, ehemals mit Absperrgittern und Ästen bedeckt. Zerstörte Löcher. Insgesamt mindestens zehn Stück. Alle zerstört. Verwüstet. Als hätte es hier einen Bandenkrieg gegeben.

Der Waldstreifen wird immer schmale und an geeigneter Stelle trete ich hinaus ins Freie. Eine Familie mit Mutter, Vater, Kind radelt an mir vorbei. Meine Richtung. Ich folge ihrem Weg. Hinterm Straßenbahnbetriebsbahnhof muss ich wieder eine große Straße überqueren. Ich benötige zwei Ampelphasen, da ich mit der ersten nur bis zur Mittelinsel gelande. Auf der anderen Seite gelandet, peile ich sofort den nächsten Park in den darin stehenden Gipfel der Ahrensfelder Berge an. Ein älterer Herr mit grauen, langen, lockigen Haaren joggt in den Park hinein und den Berg hinauf. Anfangs folge ich ihm, bis ich wieder die Abkürzung querfeldein, statt dem gewundenen Weg hinauf, wähle. Wir erreichen beide gleichzeitig den Gipfel.
Der Ahrensfelder Berg ist in höheren Schichten nicht so stark bewachsen wie der Kienberg. Oben ist er absolut kahl, und wenn man nicht wüsste, dass man trotzdem nur 120 Meter über dem Meeresspiegel ist, könnte man glauben man hätte 1200 Meter geschafft. Durch die fehlende Vegetation eröffnet sich ein 360-Grad-Rundumblick. Hier pausiere ich, suche mir eine kleine Bank, lasse mir ein leichtes Lüftchen um die Nase wehen und genieße die Sonnenstrahlen, die auf der Nasenspitze kitzeln. Hier hat man den besten Blick über Marzahn. Überall Neubauten, soweit das Auge reicht.
Ich müsste nun knapp die Hälfte der geplanten Strecke zurückgelegt haben. Und sollte ich den Wegweisern glauben schenken, so lägen ungefähr 6 Kilometer Strecke hinter mir. Nur 6 Kilometer, frage ich mich und zweifle. Ein Streckenrekord wird das dann heute wohl nicht mehr.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende ... aber jetzt brauche ich auch erstmal eine Schreibpause. Wenn es mich wieder packt, dann geht es weiter. ;-)

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Irrlichter kommentieren

krass. junge. glückwunsch.
krass. junge. glückwunsch.
meliterature - 24. Sep, 19:45
Na klar, immer alles...
Na klar, immer alles meins. ;-) Ich schau mal bei dir...
pinolino - 14. Sep, 14:34
deins? hmm. lange nicht...
deins? hmm. lange nicht mehr mit gedichten beschäftigt....
meliterature - 14. Sep, 08:47

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An meine Liebe
Buch: "An meine Liebe"


Gedicht: "Vogel von der Trauerweide"


Kurzgeschichte: "Jugendliebe"

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