Samstag, 20. Oktober 2007

Russisches Terzett.

Vor kurzer Zeit bin ich auf drei Bücher gestoßen, die durch eine Begebenheit miteinander verwoben sind. Dabei spreche ich insbesondere von der Wahl oder dem unbewussten Finden des dritten Buches. Aber beginnen wir mit dem Anfang...

Lena Gorelik: Meine weißen Nächte
Es sind erst wenige Wochen seit der Eröffnung des neuen, riesigen [und unbedingt notwendigen] Einkaufszentrums ALEXA unweit des Alexanderplatzes vergangen. Am ersten Tag wurde das Haus so sehr von Schnäppchenjägern belagert und gestürmt, dass es gleich zu einem Sachschaden in Höhe von mehreren Zehntausend Euro kam. Schuld daran war ein Elektronik-Fachmarkt mit 8000 m2 Fläche auf vier Etagen [wohin sollen diese Superlative noch führen?!], der beispielsweise Drucker zu einem Preis von 30 Euro verschleuderte. Jedenfalls konnte man es dann eine Woche später, ohne erdrückt zu werden, wagen, das Gebäude zu betreten. Was soll ich sagen, es ist wie jedes andere Kaufhaus, zusammengewürfelt aus vielen kleinen und wenigen großen Geschäften. Aber genau jenes hat die Welt [oder sagen wir die Stadt] sicherlich gebraucht. Mein Rundgang durch die verschiedenen Etagen fiel verdammt spärlich aus, obwohl ich auch nicht die Absicht hatte, irgendetwas zu kaufen. Immerhin wurde ich doch noch in einer Buchhandlung fündig. Riesige Kisten randgefüllt mit Mängelware Büchern. Und ein einziges zu einem unschlagbaren Preis von 1,50 Euro [wenn sich die Anfahrt damit nicht schon gelohnt hatte] fiel mir nach ausgiebiger Suche in die Hände.
Der Umschlag mit einer bunten Reihe von Matroschkas am Rand und anderen Zeichnungen fiel mir auf. Und kam mir bekannt vor, als hätte ich dieses Buch schon einmal anderswo in der Hand gehabt. Lena Gorelik: Meine weißen Nächte. Als Taschenbuchausgabe. Und als ich den Text auf der Rückseite las, war mir klar: das ist meins.
Lena Gorelik beschreibt in Episoden die Auswanderung ihrer Familie von St. Petersburg nach Deutschland. Immer wieder erfolgen Zeitsprünge vor und zurück und bringen dem Leser schrittweise das Erlebte und die Beweg- und Hintergründe der Familie nahe. Den roten Faden durch das Buch bildet die Beziehung zu ihrem Freund Jan, die aber auf eine harte Probe gestellt wird, als der russische Ex-Freund Ilja auftaucht. Gorelik schildert ihre Erzählungen mit einfachster Sprache, aber so glaubwürdig, dass es mir echte Freude bereitet hat. Ein kurzweiliger, unterhaltsamer Roman.

Michail Jelisarow: Die Nägel
Das obige Buch, die russische Geschichte, gefiel mir so sehr, dass ich mehr von solchen lesen wollte. Ich wußte auch noch, dass ich daheim einiges im Schrank haben müsste und fand von Michail Jelisarow: Die Nägel. Die Geschichte spielt irgendwo in Russland und schildert den Werdegang zweier Jungen, die jeder auf seine Art gehandicapt sind. Beide wurden von ihren Eltern verstoßen und landen als Baby in einem Heim für Behinderte. Einem sitzt ein unbschreiblich häßlicher Buckel auf dem Rücken, weshalb er auf den Namen "Gloster" getauft wird. Der andere hat einen Stempel in der Windel, auf dem "Bachatow" steht und der zu seinem Namen wird. Die Jungen freunden sich an und werden wie Brüder. Mit den Jahren entdeckt Gloster eine Regung an seinem Körper, eine Zuneigung zu Mädchen seines Alters. Er verliebt sich in Nastenka und schläft mit ihr, als er eine sich ihm bietende Möglichkeit schamlos ausnutzt. Nastenka wird schwanger, wird zum Abtreiben gezwungen und stirbt dabei. Aber Gloster liebt sie weiterhin.
Bald darauf soll das Heim geschlossen werden. Die beiden müssen sich einer Prüfung unterziehen, mit der ihr Grad der Behinderung festgestellt werden soll. Aber abgesehen vom zwanghaften Nägelkauen Bachatows und dem Buckel Glosters gab es niemals psychische Erkrankungen bei ihnen. Um aber weiterhin Unterstützungsgeld vom Staat zu bekommen, hecken sie einen Plan aus. Gloster soll als gesund entlassen werden, um sich seiner im Heim entdeckten Vorliebe für Musik, dem Spielen eines Klaviers, widmen zu können. Bachatow hingegen mimt absichtlich den Dummen, um weiterhin die Rente zu kassieren. Der Plan geht auf. Wegen der Schließung des Heims werden sie in die Stadt in ein Wohnheim geschickt, bei dem sie sich melden sollen.
Wie die Geschichte weitergeht, soll der interessierte Leser selbst heraus finden. Es spiegelt jedenfalls ein Stück die Zustände im alten Russland wider. Gewalt. Kriminalität. Abscheu gegenüber Behinderten. Diskreminierung. Gepackt in eine geheimnisvolle Erzählung mit mystischen Elementen. Unbedingt lesenswert.

Fjodor Dostojewski: Weiße Nächte
Das dritte Buch im Bunde ist mir dann kürzlich in einer Buchhandlung förmlich ins Auge gesprungen. Ich war nicht auf der Suche nach etwas bestimmtem, studierte die Regale, ein Fach nach dem anderen, bis der Titel "Weiße Nächte" aus der bunten Menge hervorstach. Fjodor Dostojewski ist der Autor des Buches. Und ich kann zumindest behaupten, zu wissen, dass er ein russischer Schriftsteller ist, wenn ich auch bisher nie etwas von ihm gelesen habe. Ich greife nach dem Buch und lese dessen Buchrücken. Plötzlich taucht der Name Nastenka auf und ich weiß: das ist mein Buch!
Das zuerst genannte Buch "Meine weißen Nächte" spielt natürlich auf Dostojewskis Klassiker "Weiße Nächte" [manchmal auch als "Helle Nächte" bezeichnet, je nach Übersetzung des Originaltitels] an. Dostejewskis Erzählung spielt nämlich in St. Petersburg, eine Liebesgeschichte, ein empfindsamer Roman in vier Nächten und dem abschließenden Morgen. Der Ich-Erzähler verliebt sich in der ersten Nacht unsterblich in ein 17-jähriges Mädchen namens Nastenka. Er ist ein wahrlicher Träumer und sieht sich dazu berufen, dem Mädchen mit Rat beiseite zu stehen, da sie, wie sich bald herausstellt, von schrecklichem Liebeskummer geplagt wird. Nacht für Nacht treffen sie sich wieder, wandeln durch die Straßen, sitzen auf einer Bank, halten einander Händchen und steigern sich endlos in ihre Gefühle hinein.
Das Buch ist so unglaublich gut geschrieben, dass ich dieses Gefühl, das Zittern vor Liebe, tatsächlich spüren konnte. Hoffnung keimt auf und das Ende kommt so, wie es kommen muss. Beim Lesen lässt sich [zumindest wenn man Träumereien und Phantasien glauben schenken und leben kann] eine Leichtigkeit und Glückseligkeit, gepaart mit der Härte der Realität, erfahren, wie es bisher kein anderes Buch, das ich kenne, geschafft hat. Fjodor Dostojewskis "Weiße Nächte" ist zu meinem Lieblingsroman geworden.

Freitag, 19. Oktober 2007

Herbstlich(t) 2.

Herbstlicht

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Danke, Sojus!

Gestern Abend war ich wieder in meinem Kino. Mein Kino, weil ich seit über zwei Jahren jede Woche mindestens ein Mal dort gewesen bin, insgesamt 138 Kinokarten an meiner Tür zeugen davon. Weil ich in diesem Kino mit hunderten anderen Schulanfängern den Beginn des ersten Schuljahres feiern durfte. Und weil es das älteste Kino von Marzahn mit gut 20 Jahren auf dem Buckel ist - der große Saal 1 ist fast original erhalten mit der hohen geriffelten Decke, dem Baustil der DDR, den samtig roten Sitzen und den engen Sitzreihen, so dass man nicht bequem im Sitz versinken kann, ohne mit schmerzenden Knien die Vorstellung zu verlassen.

Aber gestern war dann das letzte Mal Kinodienstag. Ein allerletztes Mal für 99 Cent. Und heute am Mittwoch das letzte Mal überhaupt im Leben dieses Kinos. Einer Ankündigung zufolge sollte das Sojus erst zum Jahresende für immer schließen, doch ganz überraschend fiel der Termin nun schon auf den 17. Oktober. Der Inhaber des Gebäudes möchte dieses nicht mehr als Kino nutzen lassen und hat dem Kinobetreiber kurzfristig den Pachtvertrag gekündigt. Kursierenden Gerüchten zufolge soll es möglicherweise einem Einkaufskomplex weichen. Weil wir armen Bürger von Marzahn sonst keine Einkaufmöglichkeiten besitzen. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Kinogebäude als solches wenigstens erhalten bleibt. Denn die Architektur von außen erinnert auch ein klein wenig an den Palast der Republik, der nur noch aus einem klapprigen Stahlgerüst besteht und in wenigen Monaten von der Spree gewichen sein wird.

Ein wenig Wehmütig bin ich den bekannten Weg gegangen. Traurig. Denn wo soll ich jetzt immer den Dienstag Abend verbringen? Das komplette Personal vom Kino kannte ich. Und nicht nur die. Es gab durchaus weitere Stammgäste, die, wenn man auch nicht mit ihnen geredet hat, einfach zum Sojus dazu gehörten. Wie eine Familie.
Gestern entschied ich mich dann für Kino 2. Einem kleineren, gemütlichen Saal auf westlichem Standard mit Kuschelsitzen. Dort lief der Film "Prinzessinnenbad". Ich kannte ihn schon aus dem Freilichtkino Kreuzberg. Aber da er so amüsant war, gut genug, um ihn ein zweites Mal zu sehen. Im guten Mittelfeld, wo Akustik und Blick auf die Leinwand am besten sind, fand ich noch einen geeigneten Platz. Rasch füllte sich der Saal und ehe man sich versah, waren nur noch vereinzelte Plätzchen übrig geblieben. Aber auch diese wurden noch besetzt, so dass man sogar Stühle aus dem Vorraum in die erste Reihe stellte, um dem Ansturm, dem Abschied mit vollem Haus, gerecht zu werden.
Links neben mir war ein Platz frei. Rechts von mir saß ein älterer Herr allein auf einem doppelten Kuschelsitz, also ein Sitz ohne trennende Zwischenlehne. Und es kommen musste, kamen zwei Mädels darauf zugesteuert, und fragten mich, ob ich weiterrutschen könne, damit sie zusammensitzen könnten. Ich hätte nein sagen können [sollen?], um somit genau zwischen den beiden zu sitzen... Aber wie es manchmal so ist, kann man hübschen Mädels kaum einen Wunsch abschlagen. Also rutschte ich herüber zu dem Herren, blieb aber möglichst weit an der linken Lehne. Zum Dank bot mir die eine etwas Süßes an. Ich verneinte nicht, lehnte mich entspannt zurück und kaute zufrieden auf dem Schaumgummi.

Kurz vor dem Filmstart kam die Betreiberin des Kinos herein und teilte noch einmal allen mit, dass das Sojus nun leider schließen müsse. Sie bedauerte es ebenfalls sehr, war sie doch grad vor einem Tag aus dem Urlaub zurückgekehrt und hatte selbst erst erfahren, dass das Sojus vorschnell vor Ablauf des Jahres geschlossen werden müsse. Sie bedankte sich bei allen Besuchern, erwähnte, dass es zum Abschied Eis zum halben Preis gäbe, und dass sie für den allerletzten Tag, den Mittwoch, einige Zusatzvorstellungen anberaumt hätte. Shrek 3 für 1,99.
Währenddessen lehnte die Filmvorführerin aus dem gläsernen Fenster vor dem Projektor und wartete endlich auf das Zeichen, um den Film abspielen zu dürfen.

Das Haus war rappelvoll. Trotz herbstlicher Kälte und abgestellter Heizungen war es so heiß im Saal, dass man kaum Atmen konnte. Und es wurde ein verdammt schöner, gemeinschaftlicher Abschlussabend. Mit einem kuriosen Film. Einer wehmütigen Umrundung des Gebäudes nach Vorstellung. Ein verlassener Blick. Eine Berührung der Wände. Blick zu den Sternen. Leuchtreklame längst erloschen. Ein Abschied. Mein Heimweg.

Eine kleine Auswahl der besten Filme, die ich dort sah:

  • Perlenstickerinnen
  • Garden State
  • Die fetten Jahre sind vorbei
  • Charlie und die Schokoladenfabrik
  • Barfuß
  • wenn Träume fliegen
  • Dark Water
  • Wächter der Nacht
  • Das Meer in mir
  • Der Fischer und seine Frau
  • Duft von Lavendel
  • Elizabethtown
  • Stolz und Vorurteil
  • Sommer vorm Balkon
  • Geisha
  • Wie im Himmel
  • Kill Bill
  • Urlaub vom Leben
  • Elementarteilchen
  • Mord im Pfarrhaus
  • Haus am See
  • Emmas Glück
  • Tagebuch eines Skandals
  • Klang der Stille
  • Little Children
  • Full Metal Village
  • Prinzessinnenbad

DANKE, SOJUS! Danke.

Herbstlich(t).

Herbstlicht

Direkt vor meinem Fenster zeigt der Herbst sein Angesicht in verschiedensten Gelb- und Rottönen, angemalt vom Licht der Sonne. Der Wind bläst dazu ein gehöriges Raschelkonzert. Und mit ein wenig Glück, läßt sich ein Grünspecht erspähen, wie er am Fuße des Baumes im Gras nach Futter sucht...

Mittwoch, 17. Oktober 2007

Tausend Meilen.

Tausend Meilen will ich gehn,
Nur um dich ganz nah zu sehn,
Dich in meinem Arme halten,
Unser Leben schön gestalten.

Den kurzen Vierzeiler habe ich grad eben zufällig entdeckt. Geschrieben vor zwei Jahren im Mai. Gerichtet an die Frau, die ich damals in Berlin auf dem Turnfest kennen lernte. Die so weit entfernt, über 800 km, in der nähe von Stuttgart lebte und jetzt immer noch lebt. Verbunden mit schönen und traurigen Erinnerungen.

Montag, 15. Oktober 2007

Herbstball.

Meine Finger wohl geformt,
Rund zu einer hohlen Hand,
Fällt das Licht verspielt in Wellen,
Kitzelt leicht, fast unerkannt.

Und ein Wind geht durch die Gräser,
Knistert Laub, zerzaust mein Haar,
Blätter tanzen endlos Walzer,
Lichtfonie ganz sonderbar.

Und die Sonnenstrahlen bündeln,
Fangen sich auf meiner Haut,
Herbstball spendet letzte Wärme,
Sommers Abschied winzig laut.

Sonntag, 14. Oktober 2007

Zwei Bänke und ein Kinderwagen.

Eine Elster fegt durch das Laub. Mit gehobener Schwanzfeder setzt sie zur Landung an und bremst geschmeidig ab. Silbrig bunt glänzt ihr dunkelschwarzes Gefieder in der schwachen Sonne. Hinter dem Kopf und auf der Brust trägt sie ein weißes Kleid, im Schnabel trockene Brotkrumen. Ein großes Stück fällt zu Boden. Das Kleinere behält sie fest im Griff und hüpft über gelb und braun bedeckte Wiesen. An geeigneter Stelle hält sie inne, schiebt mit einem kräftigen Ruck das Brotstück unter die Grasnabe, und versteckt es sogleich unter vertrockneten Blättern, die sie mit ihrem Schnabel zurecht rückt. Reserve für hungrige Zeiten. Doch das vermeintliche Glück währt nur so lange, bis eine kräftige Windböe knapp über den Boden hinwegfegt und das lose Blattwerk zerstäubt.
Zurück zum Platz, an dem das große Brotstück liegt, wiederholt sie diese Prozedur einige Male, zerkleinert das Brot in appetitliche Happen und verteilt die Krumen sternförmig um den Ausgangspunkt herum. Immer wieder findet sie das allmählich schwindende Brot, bis es vollständig und gut unter der Erde verstaut ist. Mit zufriedenem Geschnatter hebt sie ab und gesellt sich in der Ferne zu ihres gleichen.

Ein altes Ehepaar steht plötzlich mit Rad, doch ratlos, neben der Bank rechts von mir. Sie sind unschlüssig darüber, ob sie sich neben mich setzen sollen oder eine andere Bank wählen. Die Tatsache, dass die beiden Bänke die einzigen in der Sonne befindlichen sind, erleichtert ihren Entschluss. Sie setzen sich.
Ich halte Zettel und Stift in der Hand. Versuche zu schreiben. Anfangs reden sie noch. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Die Gedanken kreisen. Aber die Sonne besänftigt, der Herbst beruhigt, der Atem kaum sichtbar. Die Alten verstummen und lauschen der Natur - ebenso wie ich.

Aus dem Nichts taucht dann ein Kinderwagen von links her auf. Ein Mann schiebt ihn ganz allein. Sein Schritt verlangsamt sich. Er hält an meiner Bank und findet zu meiner linken Seite Platz, da ich genau in der Mitte sitze. Ich schaue kurz von meinem Zettel auf. Im Kinderwagen liegt ein kleines Kind. Ein schlafender Junge. Gut eingepackt in wärmende Decken. Ich schreibe weiter.
Keine zwei Minuten, nachdem sich der Vater wortlos zu mir gesellt hat, brubbelt er, dass die Laterne, die links neben unserer Bank steht, ihm die Sonne raube. Ein schmaler Laternenpfahl von nicht einmal zehn Zentimetern Dicke.
Erneut steht er auf, schiebt den Kinderwagen zwei Meter weiter nach rechts, und setzt sich wieder auf meine Bank. Nur diesmal zu meiner Rechten. Nun scheint er zufrieden.
Die beiden Alten fahren bald mit ihrem Rad weiter und ich rechne fest damit, dass er auf die frei gewordene Bank rücken wird. Er tut es nicht, was mich auch nicht stört. Ich merke nur, wie sein Kopf zur Seite knickt. Ein Blick. Seine Augen sind geschlossen. Er schläft. So wie der Kleine im Wagen, in den ich jetzt nicht mehr hinein sehen kann, aber deutlich ein schnaufendes, schnarchähnliches Geräusch höre.

Nachdem die Kirchenuhr im Rücken schon zum zweiten Mal geläutet hat und mein Banknachbar jedesmal leicht erschrocken über seinen eigenen Schlaf zusammen zuckte, beende ich mein Schreiben. Über die Wiese kommt eine junge Frau mit einer prall gefüllten Tüte direkt auf die Bank zu. Diesen Moment warte ich noch ab, es ist vermutlich die Frau zum Kind. Aber nein. Sie zieht kurz vorher an uns vorbei. Ich packe Zettel und Stift ein, erhebe mich und verabschiede mich mit einem einsilbigen Gruß.

Mondscheinblüte.

Der Mond schien auf die Blüte,
Die blüht' im Mondenschein.
Und diese Blüte blühte
Im Mondenschein allein.

Freitag, 12. Oktober 2007

Lichtwerk

Lichtwerk

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Männergespräch aufgeschnappt.

Im Aufsturz leert es sich. Vor mir steht ein durchsichtiges Glas Bier. Den letzten Tropfen habe ich soeben getrunken. Der Kellner schmeißt zum dritten Mal einen Teller oder einen schweren Aschenbecher lautstark auf den Boden. Tische werden abgeräumt. Stühle nach oben gestellt. Die Rechnung ist bezahlt. Wie spät es ist? Schon nach zwei. Nur noch kurz das stille Örtchen aufsuchen und dann geht es auf den Heimweg.
Quietschend rutscht der Stuhl unter meinem Hintern zurück und ich steuere zielstrebig auf den dunklen gang zur. An der Theke geht endlich ein Glas zu Bruch. Wohl nicht der Tag des Kellners. Beim Zahlen wollte er mir auch einen Zehner zu viel abknöpfen. Ganz unauffällig, natürlich ohne Absicht. Doch nicht mit mir. Er entschuldigte sich. Vielleicht war es doch nur Unaufmerksamkeit.
Die heiligen Hallen liegen links im Gang. Die Tür schwinkt auf. Niemand da. Freie Wahl. Ich entscheide mich für Nummer drei von vier. Kaum bin ich postiert, kommt noch ein Typ. Er nimmt Nummer eins, gleich vorn in der Ecke. Er schaut zu mir rüber, nein, ich bilde es mir nur ein. Er blickt nach oben an die Decke und läßt neben dem Plätschern einen befreienden Seufzer los.

"Was für eine Wohltat. Es gibt nichts besseres. Danke Gott."
Leicht ungläubig muss ich herüber sehen. Er linst zurück. Ich nicke zustimmend.
"Man, ich glaub, ich bin besoffen. Hab ja auch allen Grund dazu. Vorgestern hat mich meine Freundin verlassen. Aber Scheiß drauf. Jetzt will ich nur eins. Wasser lassen."
Er steht da, blickt wieder nach oben. Zwischen uns ist ein anderes Becken. Trotzdem kann ich grad nicht. Zur Ablenkung frage ich ihn, wieviel er denn getrunken habe.
"Ich? ... puhhh ... warte kurz ... 3 Bier. 2 Longdrinks. Das wars schon. Früher war ich auch mal besser."
Ich sage, dass das doch schon ganz ordentlich sei, erwähne aber nicht, dass ich nur eine große Bitter Lemon getrunken habe. Wegen dem Auto. Inzwischen ist er fertig geworden und geht sich die Hände waschen. Halb über die Schulter rufe ich hinterher, dass er trotzdem noch gut auf den Beinen steht. Man merkt ihm dem Pegel, abgesehen von der Redseligkeit einem Fremden gegenüber, nicht an. Er lacht und freut sich.
"Danke, Kumpel."
Endlich habe ich es auch geschafft. Er steht vor dem Trockner, dem Fön für die Hände, und schimpft.
"Ich hasse diese Dinger!"
Er hält seine Hände immer wieder unter das Gerät. Es heult kurz auf, bläst warme Luft und verschluckt sich. Er zieht die Hände zurück und schiebt sie wieder darunter.
"Warum gibt es hier keine Papiertücher?"
Neben dem Waschbecken steht eine leere Rolle Klopapier. Er ist nicht der erste, der sich darüber aufregen kann. Ich spüle meine Hände mit kaltem, klarem Wasser ab, schüttele sie über dem Becken, und sage ihm, dass es auch so gehen müsse.
"Ah, ich verstehe."
Er verschwindet und gesellt sich zu seinen zwei Kumpanen an den Tisch. Ob sie auch von Liebeskummer geplagt werden? Ob sie ihren Schmerz im Alkohol ersäufen? Oder ob sie schon brennende Ohren haben?
Mit einem Abschiedsgruß und einem Lächeln ziehe ich am Tisch vorbei und entschwinde in die Nacht.

Abendstimmung

Abendstimmung

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Knallpoeten.

Es ist dunkel. Es ist kühl. Ich laufe halb umher irrend durch die Stadt, auf der Suche nach dem richtigen Weg zum Bahnhof Friedrichstraße. Irgendwie muss ich leicht die Orientierung verloren haben. Gartenstraße. Das ist niemals der kürzeste Weg. Die Uhr zeigt schon Viertel nach Neun. Die verabredete Zeit war um neun Uhr. Ich kommte hoffnungslos zu spät. Mein schlechtes Gewissen meldet sich. Ich schiebe es beiseite, erinnere mich, dass meine Verabredung gern auf dem letzten Drücker erscheint, laufe weiter, renne fast, schaue, und entdecke endlich einen markanten, bekannten Punkt. Die Synagoge in der Oranienburger Straße. Ich bin total vom Weg abgekommen. Aber jetzt weiß ich endlich, wo ich mich genau befinde. Nun ist es auch nicht mehr so weit. Ich erreiche die Friedrichstraße und folge ihr bis zum Bahnhof.

Vor dem Zeitungsladen ist die gesuchte Person nicht zu sehen. Bin ich doch zu spät? Ja, ich bin. Es ist fast halb, dennoch bleibt ein Hoffnungsschimmer. Ich laufe alle Bücherreihen und Regale ab, in der Annahme, sie beim Schmökern in einem Buch oder einer Zeitschrift zu finden. Ergebnislos. Sie ist nicht da. Nicht mehr da. Ich stehe vor dem Laden, verweile noch einen Augenblick, ein paar Minuten noch und durchforste nebenbei mit einem Auge und halbem Interesse die reduzierten Exemplare auf dem Grabbeltisch.
Dann bin ich mir sicher, dass sie ohne mich gegangen ist. Schade um die Freikarte, die sie mir schenken wollte, denke ich. Vielleicht hat sie ja einen anderen am Eingang gefunden, einen Wildfremden angesprochen und ihn mit in die Vorstellung genommen. Der oder die Glückliche. Wäre die verdammte Parkplatzsuche nicht gewesen [bekanntlich habe ich im Moment keinen Fahrschein und wollte diesen auch nicht für Hin- und Rückfahrt für 4,20 Euro erwerben], die fast eine halbe Stunde dauerte und mich schließlich bis zum Nordbahnhof führte, bevor ich fündig wurde. Zwei S-Bahnstationen im abseits, bloß um ebenfalls keine Parkgebühr, die dem entbehrten Fahrschein nahezu gleich gekommen wäre, entrichten zu müssen.

Ich blicke mich ein letztes Mal um, bevor ich mich notgedrungen zu einem Nachtspaziergang durch Mitte entschließe, als ein merkwürdig bekanntes Gesicht in mein Sehfeld rückt. Der ältere Herr steuert genau auf den Zeitungsladen zu, vor dessen Eingang ich stehe. Er sieht mir direkt in die Augen. Ich glaube, er hat gemerkt, dass ich ihn irgendwoher kenne. Ich wende mich ab, schaue mich weiter suchend um, behalte ihn im Augenwinkel. Nun steht er vor dem Grabbeltisch mit einer prall gefüllten Netto-Tüte in der Hand. Er trägt einen langen grauen Mantel, eine Brille und lichtes Haar. Sein Blick war sympathisch. Doch woher kommt er mir bekannt vor. Film? Fernsehen?

Mein Name wird laut gerufen. Ich drehe mich unerwartet herum und meine Verarbredung steht vor mir. Etwas außer Atem, mit einem entschuldigenden Blick wegen der argen Verspätung von einer halben Stunde. Erleichterung. Ein Stein purzelt mir vom Herzen. Wir sind beide fast gleich zu spät, die Freikarte ist da, der Abend gerettet.
Und da dämmert es mir. Tatort. Na klar. Der ältere Herr ist ein Kommissar. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, es ist Kommissar Schmücke oder dessen Partner. Und nun geht es endlich in den Admiralspalast.

Da die Vorstellung schon um 20 Uhr begonnen haben soll [und um 17 Uhr die Vorrunden?], habe ich Angst, dass wir beide nun nur noch den letzten Beifall des Siegers erleben werden. Am Einlass verzögert es sich einen Moment. Wir müssen auf die Dame mit der Gästeliste warten. Als sie erscheint, sagt meine Begleiterin nur, dass sie bei der TAZ zwei Freikarten gewonnen habe, und ohne Überprüfung eines Namens oder Vorlegen eines Ausweises werden wir eingelassen.
Ein Blick von der unteren Etage in den Saal zeigt, dass dieser brechenvoll ist. Jubelnde Schreie vom Publikum für den Vortragenden auf der Bühne. Nur auf der Empore lassen sich vereinzelt freie Plätze erspähen. Wir versuchen unser Glück in der zweiten Etage. Doch die Tür mit einer Nummer ist verschlossen. Meine Begleiterin steuert daraufhin auf einen mit Loge beschrifteten Eingang zu. Er öffnet sich und wir finden uns hinter einem schwarzen Vorhang auf einem Einzelbalkon seitlich über der Bühne wieder. Die ganze Kabine nur für uns. Was solls, besser als nichts und langes Suchen. Wir sind die einzigen, die in solch einer Kabine sitzen. Vermutlich ist sie sonst auch abgeschlossen.
Zwei Klappstühle und ein dreckiger Tisch bilden das Möbiliar. Türme aus Bierdeckeln und dicker Staub zieren die Tischoberfläche. Im Dunkeln wirkt der kleine Raum wie eine Abstellkammer. Eine Baustelle. Der Blick auf die Bühne geht links steil nach unten. Man muss sich dazu halb über die Ballustrade lehnen. Etwas unbequem. Aber es geht. Das Publikum erstreckt sich nach rechts. Wir sehen. Und werden gesehen. Und wir hören.

Dank der Freikarte komme ich in den Genuss, zum ersten Mal einen großen Poetry-Slam-Wettbewerb mitzuerleben. Der Admiralspalast fast knapp 2000 Leute. Und das Haus ist so gut wie ausverkauft. Die Stimmung ist phänomenal. Das Publikum tobt. Es wirkt so unecht. Übertrieben. Jeder der Slammer, also diejenigen, die am Wettbewerb teilnehmen und maximal fünfmenütige Texte vortragen, hat seine eigene Fangemeinde angekarrt.
11 Teilnehmer haben es in die Endrunde geschafft, darunter nur eine Frau. Wir sind gerade rechtzeitig zum großen Finale. Die Bewertung erfolgt einerseits durch den Applaus des Publikums (50%) und die Wertung von 12 Juroren, die zufällig im Publikum ausgewählt wurden. Nach jedem Beitrag singt Sebastian Krämer, der die Veranstaltung moderiert, "Jury Wertung bitte jetzt!", bevor die Wertungen eingesammelt werden. Meist trifft er die Töne nicht so ganz. Es klingt schräg zusammen mit der Begleitung durch das Piano. Das gehört scheinbar dazu. Das ist Programm. Denn auch die Texte der Teilnehmer sind teilweise arg schräg. Die meisten versuchen, belustigend zu sein. Eine kleine Comedy-Show in fünf Minuten. Es gibt gute Texte und normale Texte. Sie sind eher langweilig. Die normalen. Manche setzen auf den Inhalt, den Witz. Andere auf das Zusammenspiel von Wort und Stimme. Wenige versuchen sogar mit schauspielerischem Talent ihrer Aussage Kraft zu verleihen. Aber allesamt verdienen sie den Respekt, vor so vielen Leuten etwas vorzutragen.
Dennoch gibt es einen leicht bitteren Beigeschmack. Das gesamte Spektakel wirkt wie eine Abiturveranstaltung, inszeniert, nicht wie ein Wettbewerb. Im Publikum sitzen Eltern, Freunde, Verwandte und feuern ihren Slammer lautstark an. Sie jubeln. Sie schreien. Sie stampfen mit den Füßen auf den Boden. Egal was komme. Das Publikum feiert sich selbst und ihre kleinen Helden. Die Helden da unten auf der Bühne im Rampenlicht. Und ich zweifle einen Moment, frage mich, wonach hier überhaupt bewertet wird. Ob es um den literischen Wert der Texte geht oder nur um Show und Fans. Das finale Stechen der besten 3 aus der Endrunde enttäuscht. Es gewinnt genau derselbe, der den Preis auch schon im letzten Jahr gewann. Dabei waren allerhand Texte dabei, die seine um Längen übertrafen. Er hatte den Gewinner-Bonus vom letzten Jahr und zahlreiche Verehrer auf den Sitzen. Aber ich hatte meinen Spaß. Spaß für lau. Und habe eine Meinung zum Thema gefunden: jeder, wirklich jeder, der etwas schreiben und sich gut darstellen kann, hat eine Chance, beim Poetry-Slam ein kleiner Star zu werden. [Damit möchte ich auch einer ganz besonderen Dame Mut machen ;-) ... und Damen gibt es bisher wohl eher wenige in diesem Metier, also, das sollte sich ändern!]

Mehr Infos zum Poetry-Slam findet man unter www.poetry-slam-portal.de.

Sonntag, 7. Oktober 2007

Portraitiert.

Portrait

Der Bierdeckel.

Warum heißt der Bierdeckel Bierdeckel? Weil ein Bierdeckel ist ein Bierdeckel ist ein Bierdeckel. Ein Bierdeckel ist also ein Deckel. Aber irgendetwas stimmt hier nicht!
Betrachten wir den klassischsten Deckel aller Deckel. Den Topfdeckel. Er dient zum Bedecken von Töpfen, um den Inhalt jener Töpfe vor schrecklichen Einflüssen von außen zu bewahren und dem Inhalt Schutz zu bieten. Der Topfdeckel wird auf den Topf aufgelegt. Im konkreten Fall müssen wir genauer unterscheiden, ob der Topf ein Blumentopf oder ein Kochtopf ist. Von Blumentopfdeckeln wird kaum jemand etwas gehört haben [das könnte eine entscheidende Marktlücke sein], aber Kochtopfdeckel sind in jedem gut sortierten Haushalt zu finden. Sie werden auf Kochtöpfe gelegt, um etwas zum Kochen, Schmoren, Braten zu bringen.

Ein anderer, sehr weit verbreiteter Deckel ist der Gullideckel. Gulli [ein schönes Wort]. Wohingegen beim Kochtopfdeckel während des Kochens, Schmorens oder Bratens leckere, appetitanregende Düfte entstehen können [sofern man den Inhalt des Topfes nicht verbrennt], treten beim Gullideckel doch eher unangenehme Gerüche von Abfällen im Allgemeinen und aus dem Verdaungstrakt im Speziellen zum Vorschein. Nichtsdestotrotz bleibt der Gullideckel ein herrlicher Vertreter der Gattung Deckel. Denn er bedeckt, platziert an der Oberfläche, mit seinem massigen Stahl tiefe Löcher in der Straße, und bietet damit Schutz vor nicht erwünschten, plötzlichen Stürzen in die Tiefe.

Nun wissen wir: der Kochtopfdeckel liegt auf dem Kochtopf, der Gullideckel liegt auf dem Gulli, aber der Bierdeckel liegt nicht, wie im ersten Augenblick anzunehmen, auf dem Bier, nein, sondern unter dem Bier. Der Bierdeckel liegt unter dem Bier. Und wo ist seine Schutzfunktion für das Bier? Schützt er etwa das Bier vor dem Austrocknen? Wohl kaum. Denn auf der Bierflasche sitzt keineswegs der Bierdeckel, sondern der Kronkorken. Der Bierdeckel hat sich klammheimlich unter das Bierglas geschlichen und lechzt dort nach überschwappenden, am Glas hinunter rinnenden Tropfen des heiligen Wassers. So ein hundsgemeiner Kerl, dieser Bierdeckel! Umtaufen müsste man ihn zur Strafe, und ihn seiner wahren Bestimmung entgegen führen. Ein Deckel, der auf dem Tisch liegt. Ein Tischdeckel.

Rundwanderweg Marzahn (Teil 1).

Es ist Freitag Nachmittag und das Wochenende winkt dem arbeitstätigen Volk freudig mit beiden Armen zu. Bisher zähle ich noch nicht zu dieser Gruppe, was mir aber keinen Anlass gibt, nicht die Aussicht auf zwei geruhsame Tage in der hin und wieder hektischen Großstadt zu genießen.
Kurz vor halb vier. Ich stehe an meinem Fenster und blicke in den weiten, bunt verfärbten Innenhof. Sogar die Sonne traut sich ein Stück zwischen den Wolken hervor und ich beschließe, dass es ein hervorragender Moment für einen genügsamen Herbstspaziergang ist. Ich ziehe mir eine olive Strickjacke und eine braune Kordjacke über mein Shirt, um vor eventueller Kälte gut geschätzt zu sein. Den Rucksack lasse ich daheim, um unnötigen Balast zu sparen, alles Notwendige stecke ich in die Taschen meiner Jeans. Schlüssel. Mp3-Player. Handy. Taschentücher. Den Apfel, den ich als schmale Wegzehrung für den kleinen Hunger vorgesehen hatte, lasse ich da. Er beult die Jackentasche aus und behindert mich so beim Laufen, wenn die Arme in mäßigem Tempo vor und zurück schwingen. Einen 5-Euro-Schein nehme ich sicherheitshalber auch noch mit. Man kann nie wissen. Und zuletzt, womöglich das wichtigste Stück für den Spaziergang, klemme ich mir einen Schrittzähler an meine rechte Hosentasche. Für jeden Schritt, den ich damit mache, hüpft eine kleine Kugel im Inneren auf und nieder und gibt den aktuellen Zählstand auf einer fünfstelligen digitalen Anzeige aus. Maximal 99999 Schritte sind so möglich, bevor es erneut bei 0 beginnt.
Nachdem ich diese ganzen Bücher über verschiedene Wanderungen von Berlin nach Moskau, von Paris nach Berlin und von Hamburg nach München vor ein paar Wochen gelesen habe, war ich schon auf der Suche nach diesem Gerät. Ich wusste, dass es irgendwo in meinen Schränken verborgen liegen musste. Als ich es dann fand, erinnerte ich mich, dass ich es schon jahrelang besaß. Womöglich von der ersten internationalen Funkausstellung, die ich in Berlin Mitte der 90er Jahre besuchte. Umso größer war die Verwunderung. Denn die Batterie lief noch einwandfrei.

Der Zähler zählt. Ich schaue regelmäßig auf meine rechte Hüfte und behalte die fortlaufenden Zahlen im Auge. 12, 13, 14 ... 100. 200. 300. 400. 500 Schritte schon. Kaum aus der Haustür und an der großen Hauptstraße gelandet. Ich biege in die kleine Gartensiedlung ein und bin froh, dass der Lärm der großen Straße verblasst. Die Bäume riechen welk, das herab gefallene Laub vermodert auf dem feuchten Boden. Die Luft ist frisch. Mein Gehirn dröhnt, die Adern pochen und Kopfschmerzen fressen sich durch meinen Schädel. Die frische Luft tut so gut. Meine Augen sind von den vielfarbigen Eindrücken des Herbstes überlastet. Das Bild vor Augen gerät ins Wanken. Die Kopfschmerzen werden stärker. Ich bleibe eisern, beschleunige meinen Schritt. Die Hitze kriecht die Wirbelsäule entlang. Schweiß. Meine Kondition ist gleich null.
Ich erreiche noch einmal eine Hauptstraße, warte an der Ampel, bis sie mich mit einem grünen, aufleuchtenden Männchen über den Asphalt bittet. Die vorerst letzte Straße. Jetzt wird es mit jedem Tritt ruhiger. Der Himmel ist mir wohlgesonnen, spendet Wolken und Sonnenschein in unregelmäßigem Takt. Vor mir liegt der erste Berg meiner Rundreise.

Der Hauptweg schlängelt sich mühsam im Kreis herum den Hang hinauf. Viel zu lang, denke ich. Viel zu langweilig. Nach einem guten Kilometer, der hinter mir liegt, strotze ich geradezu vor Kraft und wähle den direkten Weg. Ein Trampelpfad im Gebüsch ist schnell gefunden. Geradewegs gerichtet auf die Kuppe des Kienbergs mit 101 Metern Höhe.
Zum Glück hat es in den letzten Tagen kaum geregnet. Der Pfad ist trocken und rutschfest. Nur Zweige schnellen mir ab und an ins Gesicht, wenn ich im Eiltempo, mit nach untem gerichteten Blick, den Hang erklimme. Geröll, Steine, Wurzeln muss ich umgehen, um immer sicheren Tritt unterm Schuh zu haben und nicht rückwärts zu rutschen.
Auf halber Strecke entledige ich mich meiner Kordjacke. Ich schwitze wie sau. Unter den Arm geklemmt geht es schnurstracks weiter nach oben. Weit kann es nun nicht mehr sein. Ich höre schon miteinander sprechende Stimmen. Es wird lichter und hinter den letzten Sträuchern ist der reine Himmel zu sehen. Ich habe es geschafft. Steige aus dem Gebüsch hervor und befinde mich auf dem Plateau. Zwei Mädchen, deren Stimmen ich hörte, sitzen auf der stählernen Aussichtsplattform. Mein erstes Ziel ist erreicht. Ich blicke mich kurz um. Schaue über Marzahn. Und nach Hellersdorf. Dann geht es sofort weiter, noch brauche ich keine Pause.

Während ich für meinen Aufstieg den schmalen Pfad über Stock und Stein, eine rasante Abfahrtsstrecke für Mountainbikes, gewählt habe, arbeite ich mich nun Schritt um Schritt auf einer breiten, wildgrasbewachsenen Schneise abwärts. Im Winter, wenn Berlin von einigen Zentimetern Schnee heimgesucht wird, treiben sich hier Kinder und Väter herum, um vom Hang hinabzurodeln. Er ist zwar nicht so steil, aber ich glaube fast, dass er bei genügend Schnee auch zum Snowboarden für Anfänger wie mich geeignet wäre.
Am Fuße des Kienbergs lasse ich links den Erholungspark Marzahn mit seinen wunderschönen Gärten der Welt liegen. Dafür ist keine Zeit. Der Weg ist weit.

Erneut muss ich eine stark befahrene Straße queren, bevor ich wieder ins Gestrüpp eintauchen kann. Normalerweise war die andere Seite immer mit einem Zaun abgesperrt, so dass ich einen leichten Bogen entlang der Straße hätte machen müssen. Aber im Zaun fehlen einige Elemente, und ein vage angetretener Pfad ist auch zu erkennen. Also nichts wie geradewegs hinein.
Die Vorfreude über den gesparten Umweg währt jedoch nur kurz. Der Weg verzweigt in mehrere Richtungen und allesamt sind unbrauchbar. Ein Umkehren kommt nicht in Frage. Ich versuche, den angenehmsten Pfad zu finden, durch unwegsames Gestrüpp, Brennesseln, Dornensträucher und Disteln. Meine Jacke hatte ich längst wieder angezogen, um besser geschützt zu sein. Zudem muss ich acht geben, um nicht ausversehen im Schlamm stecken zu bleiben. Keine leichte Aufgabe, denn der Boden ist mit hüfthohen Gräsern und etlichem Unkraut bedeckt.
Schon bald werden die dornigen Büsche weniger, weit ausladende, hohe Bäume gewinnen die Oberhand. Rechts von mir läuft das kleine Rinnsal der Wuhle, das die Grenze zwischen Marzahn und Hellersdorf bildet. Für mich geht es weiter nach Norden, nur wenige Meter neben der Wuhle ihr folgend. Die Bäume schaffen bizarre Gebilde und laden mit ihrem Geäst geradewegs zum Klettern ein. Ich suche mir den nächstbesten, befinde mich zwei, drei Meter in der Höhe und höre plötzlich Kinderstimmen aus dem Urwald, den ich gerade hinter mir gelassen habe. Ich lasse vom Baum ab und setze meinen Weg fort. Was hätten die Kinder nur gedacht, von einem scheinbar Erwachsenen, hängend in einer Baumkrone.
Je weiter ich komme, desto mehr offenbart sich der Waldstreifen am Flüsschen als wahrer Abenteuerspielplatz. Es gibt zusammen genagelte Baumhäuser in den Baumkronen. Zerstörte Baumhäuser. Hütten auf dem Boden, bedeckt mit Plastikfolien. Zerstörte Hütten. Und sogar tief gebrabene Löcher, ehemals mit Absperrgittern und Ästen bedeckt. Zerstörte Löcher. Insgesamt mindestens zehn Stück. Alle zerstört. Verwüstet. Als hätte es hier einen Bandenkrieg gegeben.

Der Waldstreifen wird immer schmale und an geeigneter Stelle trete ich hinaus ins Freie. Eine Familie mit Mutter, Vater, Kind radelt an mir vorbei. Meine Richtung. Ich folge ihrem Weg. Hinterm Straßenbahnbetriebsbahnhof muss ich wieder eine große Straße überqueren. Ich benötige zwei Ampelphasen, da ich mit der ersten nur bis zur Mittelinsel gelande. Auf der anderen Seite gelandet, peile ich sofort den nächsten Park in den darin stehenden Gipfel der Ahrensfelder Berge an. Ein älterer Herr mit grauen, langen, lockigen Haaren joggt in den Park hinein und den Berg hinauf. Anfangs folge ich ihm, bis ich wieder die Abkürzung querfeldein, statt dem gewundenen Weg hinauf, wähle. Wir erreichen beide gleichzeitig den Gipfel.
Der Ahrensfelder Berg ist in höheren Schichten nicht so stark bewachsen wie der Kienberg. Oben ist er absolut kahl, und wenn man nicht wüsste, dass man trotzdem nur 120 Meter über dem Meeresspiegel ist, könnte man glauben man hätte 1200 Meter geschafft. Durch die fehlende Vegetation eröffnet sich ein 360-Grad-Rundumblick. Hier pausiere ich, suche mir eine kleine Bank, lasse mir ein leichtes Lüftchen um die Nase wehen und genieße die Sonnenstrahlen, die auf der Nasenspitze kitzeln. Hier hat man den besten Blick über Marzahn. Überall Neubauten, soweit das Auge reicht.
Ich müsste nun knapp die Hälfte der geplanten Strecke zurückgelegt haben. Und sollte ich den Wegweisern glauben schenken, so lägen ungefähr 6 Kilometer Strecke hinter mir. Nur 6 Kilometer, frage ich mich und zweifle. Ein Streckenrekord wird das dann heute wohl nicht mehr.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende ... aber jetzt brauche ich auch erstmal eine Schreibpause. Wenn es mich wieder packt, dann geht es weiter. ;-)

Samstag, 6. Oktober 2007

Die Fanmeile.

Mein Ticket für die Bahnen der Stadt ist mit dem Ende des letzten Monats ausgelaufen, das Geld für eine neue Karte will ich vorerst sparen, und so sitze ich nun mehr oder minder in meinem kleinen Randbezirk im Nordosten fest. Für längere Strecken bleibt mir immer noch die Wahl auf das Fahrrad, das ich seit Ewigkeiten aus dem Keller hervor geholt und entstaubt habe. Jetzt, so kurz vor dem Winter. [Kopfschütteln] An zwei Tagen nutzte ich es in dieser Woche schon. Für insgesamt 60 Kilometer.
Am Tag der Einheit bin ich damit zum Brandenburger Tor gefahren. Menschenmassen. Menschen über Menschen. Soviele, laut Nachrichten über eine halbe Million, wie es sie seit einem Jahr nicht mehr auf einem Haufen gab. Und was war vor einem Jahr? Selbstverständlich die Weltmeisterschaft, das Sommermärchen, die ultimative Fanmeile am Brandenburger Tor. Fanmeile. Ein schreckliches Wort, das ich nicht mehr hören kann, nicht mehr hören will. Doch wann kapieren die Veranstalter und Organisatoren großer Feste endlich, dass die WM in Deutschland endgültig vorbei ist, es sie so nie wieder geben wird [zum Glück], und die Leute es satt haben, auf eine Fanmeile zu gehen?! Fanmeile. Meile. Kilometer. Wenn schon, dann Fankilometer. Aber warum überhaupt Fan? Wenn deutsch, dann richtig. Fan. Noch so ein anglizistisches, amerikanisiertes Wort. Und um ehrlich zu sein, mir fällt auf Anhieb keine deutsche Entsprechung ein. Im guten alten Duden steht dazu "begeisterter Anhänger". Aber das lässt sich mit "begeisterter Anhänger Kilometer" wirklich schwer aussprechen. Von dem Sinn und der Deutung ganz zu schweigen. In meinem englischen Wörterbuch finde ich die Übersetzung "Fan, Liebhaber, Verehrer". Das passt doch schon besser. Liebhaber ist zu speziell, zu romantisiert, aber Verehrer klingt angenehm. Damit ließe sich die Fanmeile in gutem klassischem Deutsch mit Verehrerkilometer übersetzen. Verehrerkilometer. Verrückt. Wenn man das hört, könnte man geradewegs glauben, es handele sich um eine kilometerlange Straße, links und rechts, Schulter an Schulter gespickt mit Verehrern. Männlichen Verehrern? Also Männern, die vermutlich ein und dieselbe oder verschiedene Frauen verehren? Vielleicht ganz bestimmte Frauen? Dann wäre also Verehrerkilometer das Pendant zum Straßenstrich. Irre. Verrückte, deutsche Sprache...

Dienstag, 2. Oktober 2007

Endlich gehts los!

Jetzt existiert das Blog schon einige Tage, und man könnte sich fragen, warum hier überhaupt nichts passiert, nichts zu lesen ist und überhaupt alles tot und verlassen scheint. Die Antwort ist nicht allzu schwer, denn der Autor dieser neuen kleinen Hemisphäre musste sich erstmal an die Bedienung gewöhnen und sich ein wenig heimisch einrichten. Wenn mit dem eigens erstellten bzw. angepassten Layout alles reibungslos laufen sollte, dann kann auch schon bald richtig mit dem Schreiben losgelegt werden.

Dieses Mal schwebt dem Schreibenden ein grundlegendes Konzept durch den Kopf, dass persönliche Erfahrungen, aktuelle Situationen des Tagesgeschehens und fiktive Gedanken unter einem Dach vereint.

Neugierig geworden? Na dann... ;-)

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Irrlichter kommentieren

krass. junge. glückwunsch.
krass. junge. glückwunsch.
meliterature - 24. Sep, 19:45
Na klar, immer alles...
Na klar, immer alles meins. ;-) Ich schau mal bei dir...
pinolino - 14. Sep, 14:34
deins? hmm. lange nicht...
deins? hmm. lange nicht mehr mit gedichten beschäftigt....
meliterature - 14. Sep, 08:47

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An meine Liebe
Buch: "An meine Liebe"


Gedicht: "Vogel von der Trauerweide"


Kurzgeschichte: "Jugendliebe"

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